
Ich bin 12 Jahre und lebte mit meinem kleinen Bruder, er ist 5 Jahre, bei meiner Mutter. Meine Mutter lebt nicht mit meinem Vater zusammen, sie war nie mit ihm verheiratet. Mein Vater hat eine andere Frau, sie leben in der Nähe von uns, aber ihr Leben ist ganz anders als meins.
Meine Mutter hat keine Arbeit, wir sind auf die Hilfe von anderen angewiesen. Mein Vater hat ein schönes großes Haus, er hat mehrere Imbissgeschäfte und drei Kühlschränke. Er hilft uns auch im Haus, er kauft manchmal ein und gibt uns nach seiner Arbeit Geld. Mein Bruder ist nicht der Sohn von meinem Vater, sein Vater gibt uns nichts.
Mein Vater will mich nicht in seinem Haus haben. Einige Male war ich da, verbrachte einen Tag da, aber meine Mutter kam und störte uns. Immer wenn ich im Haus von meinem Vater bin kam sie und schickte mich nach Hause. Sie will nicht, dass ich bei ihm bin. Aber ich mag meinen Vater. Wenn ich es mir aussuchen könnte würde ich bei meinem Vater wohnen wollen. Ich will nicht zurück zu meiner Mutter weil sie nicht gut für mich sorgt. Manchmal war sie sauer auf mich und gab nur meinem Bruder was zu essen und ließ mich hungern.
Ich ging sehr gerne aus dem Haus und wollte nicht alleine daheim bleiben. Meine Mutter schloss mich ein, aber die Jungs von der Straße kamen und stießen die Tür auf und so konnte ich raus gehen. Mein Bruder spielte bei unserer Nachbarin und ich ging mit den Jungs weg. Wir angelten an einem Tümpel und den Fisch, den wir fingen, verkauften wir. Wir kauften auch Fische für R$ 2.50 oder R$ 3 und verkauften ihn wieder für R$ 5. Mit dem Geld kaufte ich Haschisch und etwas zu essen. Das Essen hab ich nicht aufgehoben und nicht mit nach Haus gebracht. Wenn man Haschisch raucht bekommt man immer Hunger, im Gegensatz zu Pedra (Droge), da hat man keinen Hunger und nimmt immer nur ab. Einmal habe ich Kleber geschnüffelt, mochte es aber nicht und blieb beim Haschisch.
Ich ging immer zum Polo, dort ist eine Einrichtung für Kinder es gab eine Band mit Blechinstrumenten und Flöten. Es war ganz in der Nähe von meinem Zuhause. Dort rauchte ich auch mit meinem Freunden Haschisch. Mein Bruder konnte da nicht bleiben weil er zu jung war, ich ging immer dahin, spielte in der Band, aber nahm immer weiter Drogen, ich wollte nicht aufhören. Einmal spielten wir an einem Baumstumpf in einem Park für Kinder, dort war ich abgelenkt. Meine Freunde waren auch da, aber es gab öfters Streit und viel Durcheinander. Die Erzieher in diesem Projekt brachten mich hier hin, und heute fehlt mir das Haschisch nicht mehr.
Meine Mutter nimmt auch Drogen. Ich habe es nie gesehen aber ich wusste es. Leute haben gesagt, dass ich manchmal bemerkt habe, dass meine Mutter nicht normal war. Sie nimmt Pedra. Ich fand es schlimm meine Mutter so zu sehen, ich wusste das es besser wäre wenn meine Mutter keine Drogen nimmt, aber ich ging ja den gleichen Weg. Die Jungs riefen mich und ich ging mit ihnen um Drogen zu nehmen. Meine Mutter wusste nicht dass ich Drogen nahm, aber eines Tages hat sie es bemerkt. Dann sagte sie zu mir:
„ Hey Junge, es kann nicht sein das du jetzt Haschisch rauchst!“ Meine Mutter schloss mich ein und ging zum Bürgersteig und redete mit einem Freund. Als sie wieder zurück kam war ich nicht mehr zu Hause. Sie wartete Zuhause auf mich als ich wieder kam und schlug mich, ich weinte und sagte dass ich nicht mehr abhauen würde, aber das sagte ich nur damit sie mich nicht mehr schlug. Mein Bruder nahm keine Drogen und ging auch nicht mit mir zum Polo er spielte immer nur nahe an unserem Haus.
Meine Mutter ging nicht arbeiten, sie ging nur aus dem Haus um sich mit Freunden zu treffen und Drogen zu nehmen.
Sie gab mir Ratschläge und sagte dass es nicht gut ist abzuhauen und wenn die Jungs mich rufen um Haschisch zu rauchen sollte ich nicht mitgehen. Aber ich hörte nicht auf sie, ich wollte mit den Jungs auf der Straße sein.
Ich hatte schon einen schweren Unfall. Ich half einem Mann bei seiner Arbeit in seinem Haus dann bat er einen Jungen etwas für ihn einzukaufen und ich fragte ob ich mitgehen darf. Ich saß auf der Stange seines Fahrrads und auf einmal kam mein Fuß in die Speichen und zwei Zehen rissen ab. Wir fielen vom Fahrrad, es floss viel Blut und ich schrie vor Schmerzen. Ich war 6 Jahre alt. Es passierte in der Nähe von meinem Zuhause, alle Leute schauten und ein Mann brachte mich mit seinem Auto ins Krankenhaus. Jemand fand meine Zehen und fror sie ein und brachte sie ins Krankenhaus, aber sie konnten nicht wieder angenäht werden, jetzt habe ich zwei Zehen weniger. Der Junge mit dem ich den Unfall hatte rief meine Mutter. Sie kam weinend im Krankenhaus an. Ich erinnere mich gut an den Tag, denn ich war sehr traurig.
Ich blieb einen Monat im Krankenhaus. Ich sollte zur Physiotherapie gehen, aber ich ging nie. Ich brauchte eine ganze Zeit um wieder so laufen zu können wie vorher, aber jetzt habe ich mich dran gewöhnt.
Ich möchte bei meinen Vater wohnen, ich habe auch den Mut ihn zu fragen, aber ich glaube er lässt mich nicht. Und meine Mutter wird das auch nicht wollen. Aber trotzdem hoffe ich, dass er mich zu ihm ruft. Wenn meine Mutter sich ändert möchte ich auch bei ihr wohnen. Ich ging einmal mit meinem Bruder zu ihrem Anti-Drogenprogramm, aber ich weiß nicht ob sie das immer noch macht, sie besuchte mich auch schon einmal betrunken. Sie kam an und sagte, dass sie mich jetzt mitnehmen würde.
Wenn ich wieder nach Hause komme werde ich nicht mehr mit den Jungs zum Polo gehen, ich werde nicht gehen weil ich keine Drogen mehr nehmen will, das ist für mich Vergangenheit. Das macht die Menschen schlecht, raubt ihnen das Gesicht! Ich war schon einmal bei einem Raub dabei. Wir haben einen Mann überfallen, ich und zwei andere Jungs. Keiner war bewaffnet, wir haben nur so getan, wir haben eine Hand unter die Bluse des Mannes gesteckt, damit er denkt, dass wir bewaffnet sind. Wir klauten das Handy und rannten zum Kanal. Später verkauften wir es und teilten das Geld. Die beiden Jungs mit denen ich das machte sind schon tot, sie waren noch jünger als ich. Mir wurde gesagt, dass sie erschossen wurden. Manchmal denke ich wenn ich nicht hier wäre, wäre ich auch schon tot. Eines Tages war ein Fußballspiel und wir klauten auf dem Platz davor und auf dem Weg dahin insgesamt 15 Handys. Wir waren 6 Verbündete: Barroso, Tancredo Neves, Jose Walter, Edson Queiroz . Es gab einen Streit mit einer anderen Gang : Serrinha, Marechal und Vila Pery. Es gab auch eine Schießerei.
Es gibt Leute die Drogenverkäufer sind und nicht klauen. Sie nehmen keine Drogen sie verkaufen sie nur. Die Mehrheit die klaut, macht es um ihre Sucht zu finanzieren.
Die Polizei hat mich mal mitgenommen und hat mich durchsucht, aber ich hatte nichts bei mir und war auch nicht mit den anderen unterwegs. Die Polizei hat mich schon ein paar Mal durchsucht, aber ich wurde nie erwischt.
Die Jungs teilten das Geld von dem Diebstahl nicht mit mir, weil ich ja nicht selbst geklaut habe sondern es nur ein Spiel für mich war.
Eines Tages, als ich mit der Gang unterwegs war hatte ich einen Unfall. Ich wurde mitten auf der Straße von einem Auto angefahren, aber ich weinte nicht, nein, ich stand auf und ging weiter. Das passierte in der Nähe vom Aguanambi.
Einmal war ich im „Casa de Forró“, dort beklauten wir die Leute. Man musste Eintritt bezahlen um dort hinein zu kommen. Die Jungs bezahlten für mich, damit ich reingehen konnte. Die Sicherheitsleute wussten schon, dass wir nur kamen um zu klauen, sie gaben ihnen pó (Drogen) oder Geld und sie ließen uns im Gegenzug rein. Danach waren die Sicherheitsleute auf unserer Seite, sie haben die Leute die wir beklauten geschlagen wenn sie zu viel Aufsehen erzeugten. Aber das ist jetzt keine Zukunft mehr für mich. Ich will mein Leben verändern und glücklich sein. In diesem Leben hatte ich keinen Frieden. Was ich jetzt noch will, ist das meine Mutter aufhört Drogen zu nehmen. Nachdem ich aufgehört habe Drogen zu nehmen geht es mir viel besser und ich bin sicher, dass es meiner Mutter auch viel besser gehen würde. Heute weiß ich, dass dieses Leben nie wieder eine Zukunft für mich sein wird.